Navigation
Malteser Düsseldorf

Matthias Bocionek (37): „Dieser Einsatz hat etwas mit mir gemacht“

Essensausgabe in Notschlafstelle berührte Malteser in tiefster Seele

17.06.2020
Matthias Bocionek machte bei der Arbeit in der Notschlafstelle ganz neue Erfahrungen
Beim herkömmlichen WFM engagiert sich der Malteser seit vielen Jahren
Das Ambiente in der Notschlafstelle war anders als beim Wohlfühlmorgen
Die Malteser hoffen, bald wieder mit dem WFM durchstarten zu dürfen

Düsseldorf. Volle acht Wochen lang gewährleisteten die Malteser aus der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt während der Corona-Krise die Essensausgabe an obdachlose Menschen in einer Notunterkunft. Wenngleich die von Covid 19 ausgehende Gefahr auch nach wie vor noch nicht gebannt ist, haben dennoch Lockerungen aufgrund der Schaffung von ausreichend Beatmungsplätzen in Krankenhäusern dafür gesorgt, dass das Leben, welches wir vor dem Virus-Ausbruch kannten, sich Schritt für Schritt wieder normalisiert. Auf diese Weise konnten auch herkömmliche Aufenthaltsorte für Wohnsitzlose wieder geöffnet und der Bedarf an Notschlafstellen entsprechend heruntergefahren werden.  In der besonders kritischen Zeit jedoch lag für das Malteser-Wohlfühlmorgen-Team rund um Hans Tophofen auf der Hand, gerade dort Hilfe zu leisten, wo Not am Mann ist. In der städtischen Männer-Unterkunft am Vogelsanger Weg kümmerten sich insoweit rund 40 ehrenamtliche Helfer in Schichten von montags bis sonntags um Frühstück, Mittagsessen und Abendessen der Bedürftigen. Einer der Ehrenamtlichen war auch Matthias Bocionek. Der Düsseldorfer engagiert sich bereits seit 23 Jahren bei den Maltesern. Seit Anbeginn des Wohlfühlmorgen-Projekts (WFM), bei welchem Obdachlosen schon seit 2001 bis zu sechsmal jährlich ein Wellnesstag mit Frühstücksbrunch im St. Ursula Gymnasium geboten wird, arbeitet Bocionek regelmäßig mit. Kein Wunder insoweit, dass er nach der jüngsten Telefon-Anfrage von WFM-Koordinator Tophofen sogleich Bereitschaft zeigte, auch bei der Essensausgabe in der Notunterkunft mitzuhelfen. Trotz Corona-Gefahr.

An für sich hatte der 37-Jährige ob seiner langjährigen Erfahrung mit der Klientel nicht gedacht, überrascht zu werden. Doch allzu schnell sollte er eines Besseren belehrt werden.

„Beim ersten Dienstantritt war ich aufgrund der improvisierten Essensausgabe, die man in der Einrichtung vorfand, erst einmal ein wenig geschockt, zumal das bei unserem WFM immer etwas anders aussieht.“ Die Erschütterung habe sich aber schnell gelegt, erinnert sich der Ehrenamtler. Der größte Unterschied zu den ihm grundsätzlich bekannten Abläufen habe zunächst darin bestanden, dass wegen der Corona-Pandemie alle Helfer sowohl zusätzlich zu den üblichen Handschuhen auch Mund-Nasen-Bedeckungen zum Schutz zu tragen, als auch den gebotenen Abstand zueinander einzuhalten hatten.

Während bei herkömmlichen Wohlfühlmorgen wohnungslose, mittellose oder solche Männer und Frauen, die am Ende des Monats nichts mehr von ihren Einkünften übrighaben, vorbeischauen, hätten sich naturgemäß in der Männer-Notschlafstelle ausschließlich Herren aufgehalten. Am Vogelsanger Weg zu jenem Zeitpunkt vornehmlich osteuropäischer Herkunft. Einen Unterschied in der Atmosphäre auszumachen, wenn nur gleichgeschlechtliche Gäste zugegen sind, liegt da womöglich auf der Hand.

„Gleich zu Beginn habe ich an einem Freitag direkt drei volle Schichten, also den ganzen Tag, durchgearbeitet“, erzählt Matthias. So habe er natürlich Gelegenheit gehabt, die Menschen vor Ort von morgens bis abends zu erleben. Ich habe das, was ich sah, als ganz schön hart empfunden und sofort gedacht, dass wir froh sein können, dass es uns so gut geht. Zumal man ja manchmal schneller als gedacht, in eine solche Situation gerät“, schildert der 37-Jährige.

Gerade in Zeiten wie der Corona-Krise, in der viele Menschen von Kurzarbeit betroffen sind, zeige sich schnell, dass auch die sicher geglaubte eigene Existenz durch äußere, unvorhersehbar auftretende Umstände von jetzt auf gleich in Gefahr geraten könne. „Ich hoffe nicht, dass einem von uns das passiert“, betont der Düsseldorfer.

Gleich am ersten Tag habe Bocionek den unwesentlich jüngeren Obdachlosen – nennen wir ihn Klaus- in der Notschlafstelle kennengelernt. „Ich habe seine Story gehört und das hat mich so mitgenommen, dass ich abends meiner Schwägerin sagte, dass ich gar nicht wisse, ob ich überhaupt noch weitermachen könne“, weiß Bocionek noch genau.  Die Lebensgeschichte des jungen Mannes, welcher die Herzen vieler Teammitglieder ob seines Charmes übrigens im Nu erobern konnte, zeigt einen Weg auf, den offenkundig auch auffällig viele seiner Leidensgenossen eingeschlagen haben. Vom Feiern in jungen Jahren über übermäßigen Alkoholkonsum irgendwann in die Drogenspirale geraten, verschlechterte sich das Verhältnis zum familiären Umfeld naturgemäß mehr und mehr. Das durch immer häufigere Berauschung mit dem Jobverlust einhergehende Verlieren von wichtigen persönlichen Kontakten, Ansprechpartnern und Verwandten mündet am Ende oftmals in Wohnungslosigkeit sowie Erkrankungen und Verzweiflung. Um dies zu ertragen, bedienten sich viele in jener Situation schlichtweg weiteren Alkohols oder Drogen, weiß Bocionek. Ein Teufelskreis. „Mir hat sich gerade Klaus`*Geschichte regelrecht auf die Psyche gelegt, schildert der Malteser. „Am Ende habe ich mir aber gesagt, ach, komm, mach weiter. Je häufiger ich dann vor Ort war, desto besser konnte ich es verarbeiten.“ Der 37-Järige wirkt noch immer nachdenklich. „Dies sind keine Menschen zweiter Klasse, sondern sie sind wie du und ich“, sagt Matthias. Jeder habe seine eigene Geschichte, erzählt er und fügt hinzu, „ich habe immer das offene Gespräch mit ihnen gesucht“. Und weil ihm dieses dennoch immer wieder unter die Haut geht, versucht der junge Mann über seinen Schichtdienst hinaus auch noch weitere Hilfestellung zu geben. „Klaus hatte beispielsweise keinen Gürtel. Seine Hose hing ihm immer sonst wo. Also bin ich hingegangen und habe bei mir zu Hause geschaut, ob ich nicht noch einen Gürtel entbehren kann.“ Gesagt, getan. Und nachdem sich beim Durchstöbern des heimischen Kleiderschranks auch noch herausstellt, dass ein Hoody eines bekannten, nicht gerade kostengünstigen Outdoor-Bekleidungsherstellers kaum noch passt, bringt Matthias Bocionek es dem bedürftigen, aber lebensfrohen Klaus gleich noch zusätzlich mit. Die Freude des Obdachlosen über die unerwarteten Gaben scheint schier unfassbar.  Das Leben auf der Straße scheint den gut erzogenen Klaus einen anderen Umgang erfahren lassen zu haben. Offenkundig einen solchen, der selbstloses Geben nicht zwingend miteinschließt. Klaus zeigt sich voller aufrichtiger Dankbarkeit, sendet dem Ehrenamtler zu dessen Geburtstag sogar noch eine Audio-Datei mit eigens vorgetragenem Ständchen. Im Zuge des immer größer werdenden Vertrauens gewährt der Wohnsitzlose dem Malteser immer tiefere Einblicke in sein Leben, erzählt von herben Enttäuschungen, Zurückweisungen der eigenen Familie, nachdem er nicht gegen die Drogensucht ankommt und den Angehörigen dadurch viele Schwierigkeiten bereitet hatte. Auch lädt er Matthias ein, einmal eine Nacht lang in der Notunterkunft zu hospitieren, um sich selbst ein Bild von dem zu machen, was Klaus immer wieder berichtet: Gewalt unter den Bewohnern und Übergriffigkeiten.

Natürlich kann Bocionek der Hospitationseinladung durch den Wohnsitzlosen nicht nachkommen, denn zum einen sprächen die Vorgaben dagegen, zum anderen könnte der notwendige professionelle Abstand womöglich kaum mehr gewährleistet bleiben. Insbesondere, nachdem den Malteser das Schicksal der Notschlafstellen-Bewohner ohnehin schon stark persönlich berührt hat.

Traurig: Nach einem notwendigen nächtlichen medizinischen Einsatz muss Klaus abgeholt werden und taucht nicht wieder in der Notschlafstelle auf. Was aus ihm wird, erfahren die Malteser nie.

 

Auf die Frage, ob er glaube, dass ein Mensch, einmal in einer solchen Situation wie Klaus steckend, dort jemals wieder hinausfinden könne, antwortet Matthias Bocionek: „Ich glaube, wenn du das willst, dann schaffst du es auch. Allerdings muss ich dazu sagen, wenn sich viele Menschen in dieser Situation untereinander befinden, die aus Kulturkreisen stammen, in denen Alkoholgenuss grundsätzlich lockerer gehandhabt wird, dürfte es schwer sein, damit aufzuhören. Wenn das Umfeld dich immer wieder dazu animiert, zu trinken, obwohl du aussteigen willst, ist es nahezu unmöglich.“

Aus diesem Grunde begrüßte der Ehrenamtler die Aktion der Schumacher-Brauerei, welche Lebensmittel und Getränke für die Essensaugabe lieferten, ganz besonders: „Abends haben die Gäste Bier bekommen. Zuerst hatte ich mich gefragt, wieso die Alkoholiker noch Bier bekommen. Aber dann zeigte sich, dass durch das Halten eines gewissen Pegels eine Art Win-Win-Situation entstanden war.“ Eskalationen mangels Entzugserscheinungen hätten somit weitgehend vermieden werden können.

Während der Zeit der Essensausgabe lernt Bocionek aber auch noch andere Gäste und deren Geschichten besser kennen. So kommt er beispielsweise mit den Ungarn Balázs* und Bence* (Namen v. d. Red. geändert) in Kontakt. Während Balázs* regelmäßig mit einem Auto zum Essen in der Notschlafstelle vorfährt, muss Bence, ähnlich einem Lakaien, alles, was ihm von seinem Kumpel aufgetragen wird, erledigen. Die Reinigung des Fahrzeugs oder Botendienste sind nur einige wenige Aufgaben davon. Auf die Nachfrage von Matthias erläutert Bence dem Malteser, dass ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis bestehe, er den dominanten Freund aus diesem Grunde nicht enttäuschen dürfe, andernfalls würde er es zu spüren bekommen. Bocionek vermutet, dass es um Substanzen gehen könnte, die der Unterwürfige regelmäßig von seinem Kumpel zu erhalten wünscht. „Die Art und Weise, wie der Stärkere den Schwächeren behandelte, war hart mitanzusehen“, erinnert sich Matthias noch ganz genau. Woher die finanziellen Mittel für ein Auto stammen, welches der Selbstbewusstere der beiden Ungarn fährt, bleibt auch für Matthias ein Geheimnis.

Auch Toni* (*Name geändert), der üblicherweise im Schaustellerbereich arbeitet und den die Corona-Krise in null Komma nichts seinen Job gekostet hatte, lernt Malteser Bocionek in der Notschlafstelle kennen. „Wir haben uns sehr gut verstanden. Toni hat uns Maltesern nach Beendigung der Aktion sogar noch beim Abbau unserer Sachen geholfen“, berichtet Bocionek. Man befindet sich auf derselben Wellenlänge und einmal mehr wird dem Malteser bewusst, wie schnell sich das Blatt im Leben wenden kann.  Nach wie vor befindet Matthias sich mit Toni, der zwischenzeitlich wieder in Lohn und Brot steht, in Kontakt. Das Schicksal der Menschen, die Matthias in der Notschlafstelle kennengelernt hat, berührte den Malteser in besonderer Weise. Über das freiwillige Helfen bei der Essensausgabe hinaus, hat Matthias sich einen Zugang zu den Menschen erschlossen, die seine bemerkenswerte Offenheit und sein Interesse für sie zu schätzen wussten. Und einmal mehr wird für Bocionek klar, warum er sich so gerne für andere Menschen engagiert: Der 37-Jährige lebt auch in Corona-Zeiten „weil Nähe zählt“.

   

Notfallsanitäter Bewerbung

Weitere Informationen

Allgemein

Wohlfühlmorgen

Die nächsten Termine

Jahr 2020:

29.02.2020
28.11.2020 (vorbehaltlich Corona-Schutzverordnung)

 

 

Unser Spendenkonto: Malteser Hilfsdienst e.V.  |  Pax-Bank  |  IBAN: DE90 3706 0120 1201 2101 15  |  BIC / S.W.I.F.T: GENODED1PA7